Ein realer Hallraum mit Zuspiellautsprechern und Abnahmemikrofonen - das wär's doch, oder?
Nicht wirklich! - Hallräume sind meist viel zu klein, und Mutter Natur lässt sich bezüglich der Raumgröße nicht täuschen. Es gibt bei Hallräumen eine ganze Reihe von Unzulänglichkeiten, die sich nicht mit Tricks wie z.B. Pre- oder Postdelay kompensieren lassen.
Die da wären?
Bei den in Hallräumen üblichen zwei Zuspiellautsprechern haben Sie nur zwei Raummodenspektren, heutzutage auch »IRs« genannt: ein Spektrum vom linken Zuspiellautsprecher, und ein Spektrum vom rechten Zuspiellautsprecher. Ein Orchester, genau wie eine Kirchenorgel, besteht aber aus einer Vielzahl von im Raum verteilten Schallquellen, die jede den Raum auf ihre höchst individuelle Weise anregt. Sprich: jedes Instrument und jede Orgelpfeife bringt eine eigene, ganz persönliche IR mit. Dies lässt sich nicht ohne weiteres mit 2 Zuspielkanälen und 2 IRs abbilden, und auch nicht mit z.B. ein paar mehr. Meinetwegen mit ein paar hundert IRs, und natürlich den dazugehörigen Echo-Send-Pfaden ...
Und weiter?
Hallräume haben meist ein relativ kleines Volumen. Jedenfalls sind sie unvergleichlich kleiner als z.B. Kirchen. Kleine Räume haben im Vergleich zu großen aber eine erheblich niedrige Modendichte (=Dichte der Raumresonanzen auf der Frequenzachse).

Photo: Henry Mühlpfordt / flickr.com
Da ein Raum aber nur an Resonanzstellen Hall ausbilden kann, gibt es bei kleineren Räumen viel mehr "Löcher" im Frequenzspektrum des Halls. Und das kann man deutlich hören als mehr oder weniger metallische Verfärbung, insbesondere bei schmalbandigen Klängen wie Choralmusik. Eine mit ungenügender Eigenresonanzdichte verhallte Sopran-Arie kann sogar regelrecht in den Ohren wehtun ...
Das war's dann aber, oder?
Nein, es geht weiter. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen hinten auf der Kirchenempore an der Orgel und spielen einen Triller. Was macht der Triller? Er verbreitet sich im Raum. Betrachten wir nun einen jener Signalpfade, die vorne im Altarraum aufschlagen, dort reflektiert werden, und nach mehreren 100 Millisekunden wieder an Ihr Ohr zurückkommen; und zwar, warum auch nicht, nach wie vor trillernd. Erst die Summe einer Vielzahl verschieden langer Rückpfade verwischt und neutralisiert den Zeitfaktor, und macht aus den Trillern eine kontinuierliche Hallfahne. Doch die Moleküle der Hallfahne trillern weiterhin. Beim konzentrierten Hineinhören in die Hallfahne einer großen Kirche stechen die Triller auch immer wieder mal deutlich aus der Masse heraus; das gehört einfach dazu.
Bei kleinen Räumen wie einem Hallraum können sich die einzelnen Trillertöne wegen der jetzt viel zu kurzen Signalpfade nicht mehr sequenziell aufreihen; es fehlt quasi der "Sampling-Buffer" zur Aufnahme des Trillers. Die für die Lebendigkeit und für die räumliche Tiefe eminent wichtigen musikalischen Sequenzen können sich in kleinen Räumen, egal ob real oder digital, prinzipiell nicht ausbilden. Folge: im Vergleich zu einem real großen Raum reduziert sich bei gängigen Hallraumausmaßen die Räumlichkeit des akustischen Eindrucks ganz erheblich.
www.quantec.com/?id=faq066
Mai 2011

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